"Ich bin okay", sagte Kimi Antonelli tapfer, doch seine Augen füllten sich bereits mit Wasser. Er war nicht okay. Später, so erzählte es Mercedes-Teamchef Toto Wolff kürzlich, habe der junge Italiener an diesem Sommertag im Juli 2025 in Spa-Francorchamps geweint. Antonelli hatte in den Ardennen zum wiederholten Male ein Grand-Prix-Wochenende zum Vergessen erlebt. Ein 360-Grad-Dreher im Sprint-Qualifying, letzter Platz. Für das Hauptrennen wegen einer Strafe wieder ans Ende versetzt, am Sonntag keine Aufholjagd und keine Punkte - zum dritten Mal in Folge. Kimi Antonelli war fertig. Und über allem schwebte die aus Zweifel sich speisende Frage: War das alles zu früh?
Am 1. November 2026 hat Andrea Kimi Antonelli in Mexiko-Stadt wieder geweint. "Ich habe vor lauter Tränen kaum etwas gesehen", sagte er nach seinem dritten Platz beim Großen Preis von Mexiko, der ihn mit 20 Jahren zum jüngsten Formel-1-Weltmeister der Geschichte gemacht hat. Drei Jahre jünger noch als Sebastian Vettel bei seinem ersten Triumph 2010. Eingerahmt von Sieger Max Verstappen und Lewis Hamilton, den größten Formel-1-Piloten der letzten Dekade. Welch Weihe. Antonelli ist noch immer der sympathische Junge, den im Fahrerlager alle mögen. Das war er letztes Jahr schon, als er auf seinem Weg ins Stolpern geriet. Heute ist Antonelli dennoch ein anderer Mensch und Rennfahrer. Sein Erfolg ist die Geschichte einer bemerkenswerten Lernkurve.
Kimi Antonelli wird im August 2006 in Bologna geboren, Michael Schumacher fährt da gerade seine letzte Saison mit Ferrari. Der Name Kimi ist die Idee eines Onkels und geht nicht auf "Iceman" Kimi Räikkönen zurück, der 2007 letzter Weltmeister in Rot wird. Piccolo Kimi hat Benzin im Blut. Vater Marco ist Rennfahrer. "Er war schon mit 15 Tagen in der Garage, hat die Motoren gehört und die Abgase gerochen", erinnert sich der Papa. Früh sitzt der Knirps im Go-Kart, das Talent ist nicht zu übersehen. Jedenfalls nicht für die Späher der Silberpfeile. Mit elf Jahren nimmt Mercedes Antonelli in seine Nachwuchsakademie auf. In Maranello verfluchen sie sich noch immer dafür, den italienischen Ragazzo nicht für die Scuderia Ferrari entdeckt zu haben.
Antonellis erste Mercedes-Ausfahrt endete in Trümmern
Auf seiner ersten Formel-Station, der Formel 4, ist Antonelli direkt so gut, dass er die Formel 3 überspringt und 2024 im Unterbau der Formel 1, der Formel 2, loslegt. Silber-Häuptling Wolff hat ihn unter seine Fittiche genommen. Der Österreicher glaubt felsenfest an den schmächtigen Kimi. Antonelli soll irgendwann im Formel-1-Mercedes sitzen. Das Irgendwann kommt ziemlich schnell. Zur Saison 2025 wandert Rekordweltmeister Hamilton nach zwölf einzigartig erfolgreichen Jahren und sechs WM-Kronen im Gepäck zu Ferrari ab. Für Wolff steht sofort fest: Antonelli bekommt das Silberpfeil-Cockpit.
Dass der erste Königsklassen-Auftritt des Italieners suboptimal gelaufen ist, kratzt den Wiener ebenso wenig, wie Antonellis in Summe eher durchschnittliche Rookie-Saison in der Formel 2. Beim Grand Prix von Italien 2025 in Monza darf er im ersten Freitagstraining bei den Großen ran. Die Fahrt endet in Trümmern. Zwar lässt Antonelli seinen unbestreitbaren Grundspeed aufblitzen und brettert 14 km/h schneller als Verstappen und Hamilton durch die Ascari-Schikane. Weil das Greenhorn dabei aber die Reifen überhitzt, fliegt Antonelli in der legendären Parabolica mit rund 250 Sachen in die Reifenstapel. Der Mercedes W15 ist Kleinholz, Antonelli geknickt. Wolff richtet ihn wieder auf und bleibt dabei: Dieser Kimi Antonelli ist ein "Jahrhunderttalent".
In der Formel 1 fasst der 18-jährige Frischling 2025 zunächst ordentlich Fuß. Antonelli ist nicht so schnell wie sein Stallrivale George Russell, aber er punktet verlässlich und macht kaum Fehler. Dennoch: Den Eindruck, dass da ein Auserwählter à la Verstappen (der 2015 mit 17 in die Formel 1 kam) am Werk ist, vermittelt Antonelli nicht. Vor allem, weil er im Saisonverlauf einfach nicht an Russell herankommt. Neben dem Sir-haften Engländer, dem selbst das Etikett des kommenden Champions anhaftet, verblasst das Wunderkind. Drei Zehntel ist Antonelli im Schnitt langsamer. Ewigkeiten in der Formel 1. Der Druck steigt, die Zweifler werden laut. Antonelli macht Fehler, bleibt reihenweise punktlos. In Spa scheint ein Tiefpunkt erreicht. Doch beim Heimspiel in Monza einen Monat später geht es gefühlt noch weiter in den Keller.
Auf dem Autodromo Nazionale, dem Vollgas-Tempel im Königlichen Park, fährt Antonelli in einem erneut fehlerbehafteten Rennen nur auf Rang neun. Was ist nur los mit Kimi Antonelli, fragen nicht nur die enttäuschten Tifosi? Kam das Abenteuer Formel 1 für den Teenager zu früh? Hätte er nicht lieber bei einem Mercedes-Kundenteam reifen sollen, statt direkt für das Werksteam zu fahren? Hat Wolff seinen Protegé verbrannt? Unangenehme Fragen für Fahrer und Teamchef. Schwere Wochen und Monate.
Ein Mäuschen im Katzenfell
In der Schlussphase der Vorsaison fängt sich der angeknockte Bub mit dem schelmischen Grinsen. An Russell kommt er zwar nicht vorbei, aber er verkleinert die Lücke merklich. Vom Feeling her geht Antonelli also nicht mehr mit einem schlechten Gefühl in die Winterpause. Die tut gut. Er würde gerne wissen, was Rennfahrer in dieser GP-freien Zeit anstellen, um wie verwandelt wieder aufzukreuzen, sagte Wolff kürzlich. Antonelli muss sein Premierenjahr unglaublich gut aufgearbeitet und seine Schlüsse gezogen haben. Jedenfalls kommt er zur Saison 2026 sichtlich gereift zurück.
Mit den neuen Regeln, der gestiegenen Elektro-Power und dem daraus resultierenden Batterie-Management, kommt Antonelli - anders als etwa Verstappen - sofort zurecht. Der neue Silberpfeil scheint perfekt auf ihn zugeschnitten. Bei den ersten Testfahrten in Bahrain im Februar ist Antonelli so gut unterwegs, dass ihn Sky-Experte Ralf Schumacher zu seinem WM-Favoriten erklärt. "Er schien eins mit dem Auto zu sein, es wirkte auf mich spielerisch", begründete der sechsmalige Grand-Prix-Sieger am Sonntag im Livekommentar seine zu Jahresbeginn überraschende Prognose.
Und spielerisch wird es tatsächlich. Beim Saisonstart in Melbourne muss Antonelli Garagen-Nachbar Russell noch den Vortritt lassen, den Down Under viele Experten schon zum Weltmeister designieren. Danach fährt der Italiener dem Briten um die Ohren und gewinnt die folgenden fünf Grands Prix. Der Grundstein zum Rekord-Titel. Beim Grand Prix von Kanada zeigt Antonelli in einem erbitterten Rad-an-Rad-Duell mit Russell, dass "il Topolino" (wie ihn Mamma Veronica zuhause nennt) ein Mäuschen im Katzenfell ist. Der nette Junge gibt auf der Strecke keinen Zentimeter preis, am Funk meckert und beschwert er sich wie die Großen Verstappen und Hamilton. Und er gewinnt. Zur Saisonmitte ist sein Vorsprung so groß, dass Wolff und Co. den Champagner kalt stellen können. Antonelli steigt der Erfolg nicht zu Kopf. Er bewahrt die Nerven, legt eine bemerkenswerte Reife an den Tag. Wenn die Umstände schlecht sind wie in Baku, nimmt er die Punkte mit, die es zu holen gibt. Patzt die Konkurrenz, beißt die Maus in den Käse und gewinnt.
Antonelli straft alle Kritiker Lügen
Antonelli wird immer leichter, der Wochenende um Wochenende gedemütigte Russell immer schwerer, immer ratloser. "Es ist schon beeindruckend, wie Kimi seinen Teamkollegen abmontiert hat", resümiert RTL-Experte Christian Danner. Sein Meisterstück liefert Antonelli vor einer Woche beim US-GP in Austin ab. Obwohl der Mercedes nicht mehr das dominierende Auto der ersten Saisonhälfte ist, zieht der 20-jährige Italiener in Texas einsam seine Kreise, auch Verstappen kommt nicht mit. Den vorzeitigen Triumph verpasst er nur um zwei mickrige Pünktchen. In Mexiko schafft Antonelli Fakten. Eiskalt überholt er nach dem Re-Start Ferrari-Mann Charles Leclerc, bremst sich in der ersten Kurve auf letzter Rille am Monegassen vorbei, ohne dass ein Rad steht, ohne ein Qualmen. Präzision am Limit. Ein Sinnbild von Antonellis Saison. Verstappen und Hamilton kämpfen in Mexiko noch um den Sieg, da fängt der emotions- und adrenalingeladenen Italiener auf der Schlussrunde bereits zu heulen an.

Weltmeister Antonelli ist "ein Professor auf dem Asphalt"
Was folgt, ist Ekstase. Freudentränen mit Papa Marco, Mamma Veronica und Schwesterchen Maggie, die alle gekommen sind. Hochleben lassen von F1-Ziehvater Wolff. "Nicht viele haben das geglaubt. Wir haben es geglaubt", sagt der Teamchef noch im Parc Fermé am Sky-Mikrofon. Antonellis Triumph ist auch seiner. "Er ist zu jung. Wir sollten ihn nicht in einen Mercedes setzen. Steckt ihn in ein kleineres Team. Er braucht Erfahrung. Schaut euch die Fehler an, die er macht - Bitteschön, Kimi: Sieg", hatte der 54-Jährige schon unmittelbar nach Antonellis erstem Grand-Prix in China im April am Funk eine Botschaft an all die Kritiker abgesetzt. Der Rest ist Erfolgsgeschichte.
Die Zukunft heißt Ferrari
Die Zukunft hält einiges parat. Für Antonelli. Aber auch für alle Formel-1-Fans. Red Bull und Ferrari haben aufgeholt. Kommende Saison könnte es zum Duell des jüngsten Titelverteidigers mit den Motorsport-Titanen Verstappen und Hamilton kommen. "Er ist ein Ausnahmetalent. Dieses Jahr ist er phänomenal gefahren, und da kommt in Zukunft noch mehr", adelte Verstappen im Interview mit der "Sport Bild" seinen Weltmeister-"Nachfahren". Der viermalige Weltmeister verband dies mit einer Warnung an sich selbst und alle anderen: "Er hat noch nicht 100 Prozent seines Talents ausgeschöpft. Und auch der Gewinn der WM wird ihn noch besser machen. Wenn du einmal Weltmeister warst, wirst du ruhiger. Du hast dein Lebensziel erfüllt, gehst entspannter in Rennwochenenden."
Kimi Antonelli wird noch besser werden - und eines Tages, früher oder später, im Ferrari sitzen. Die italienische Formel-1-Seele hat er in einer Hinsicht schon erlöst. Antonelli ist der erste Weltmeister aus Italien seit dem ikonischen Alberto Ascari vor 73 (!) Jahren. Der junge Mann mag auf dem Olymp stehen. Aber in Italien schwebt über jedem Rennsport-Gipfel noch immer eine Wolke. Ferrari. Der junge Messias in der Roten Göttin. Es ist keine Frage des Ob. Nur des Wann, da können Antonelli und Wolff sich ihrer Treue und Nähe noch so sehr versichern. Selbsterfüllende Prophezeiung schlägt Papier. Antonelli ist bis mindestens Ende 2027 an die Silbernen gebunden.
In der Dokumentation "Being Sebastian Vettel" hat der vormals jüngste Weltmeister eindrücklich dargelegt, welch Druck sich für einen Fahrer durch den Mythos Ferrari auflädt. Maranello liegt zwischen Himmel und Hölle. Man möchte Andrea Kimi Antonelli sagen: Genieß deine Jahre bei Mercedes! Das größte und schwerste Kapitel seiner Motorsport-Karriere kommt für das erwachsen gewordene Wunderkind erst noch.


