Fälle in mehreren EU-LändernHacker legen Kühlsysteme in Supermärkten lahm

In mehreren europäischen Ländern knacken Unbekannte die Kühltechnik von Supermärkten. In einigen Filialen steigen die Temperaturen drastisch, sodass die Tiefkühlware entsorgt werden muss. Zumindest in Schweden macht wohl eine veraltete Schwachstelle die Attacken erst möglich.
Unbekannte haben offenbar in der vergangenen Nacht die Kühlsysteme mehrerer europäischer Supermärkte gehackt. Wie schwedische Medien berichten, wurden Tiefkühltruhen und -schränke der dortigen Supermarktketten Ica und Coop manipuliert. Dies habe dazu geführt, dass die Temperaturen in den Geräten teils drastisch erhöht waren. Belgien, Luxemburg und Estland melden ähnliche Vorfälle. Ob die Fälle zusammenhängen und wer die mutmaßlichen Angreifer sind, ist bislang unklar.
Nach Angaben des schwedischen Fernsehsenders SVT sind Ica-Supermärkte in mehreren Regionen sowie in der Hauptstadt Stockholm betroffen. Ein Ica-Markt im Norden der Insel Öland schrieb auf Facebook: "Leider gehören wir zu den Geschäften, deren Kühl- und Gefrierschränke gehackt wurden. Wir haben wie gewohnt geöffnet, können aber leider keine Kühl- und Tiefkühlwaren verkaufen." Wann die Anlagen wieder funktionierten, sei noch offen.
Auch ein Ica-Supermarkt in Sjöbo, westlich von Malmö, meldete auf Facebook einen Angriff: "Was nicht passieren durfte, ist passiert! Unsere Kühl- und Gefrierschränke wurden in der Nacht gehackt, und die Temperatur wurde auf 50 Grad eingestellt." Am Vormittag habe man schließen müssen, habe aber inzwischen wieder geöffnet.
"Tiefkühlwaren sind ungenießbar geworden"
Rickard Nilsson, Filialleiter des betroffenen Supermarktes in Sjöbo, sagte der Zeitung "Expressen", man sei dabei, die Tiefkühlschränke zu leeren. "Die Tiefkühlwaren sind ungenießbar geworden." Den Schaden bezifferte er auf umgerechnet mehrere zehntausend Euro. "Das ist bitter, das ist schrecklich, das ist tragisch. Man fragt sich natürlich, was sie davon haben. Das ist verrückt."
Fotos der schwedischen Nachrichtenagentur TT zeigten, wie Supermarktmitarbeiter einer Ica‑Filiale in Stockholm betroffene Waren entsorgten. Gustaf Nilsson, Pressesprecher bei Ica, sagte dem Sender SVT, man untersuche die Vorfälle genauer. Eine begrenzte Zahl von Filialen sei betroffen und man unterstütze die Märkte bei der Bewältigung des Vorfalls.
Bei Coop betraf es nach Angaben der Zeitung "Aftonbladet" sieben Filialen. Laut Coop-Pressesprecher Carlos Cancino deuten erste Informationen darauf hin, dass eine veraltete Verbindung über das 4G-Netz die Gefrierschränke angreifbar gemacht hat, wie der schwedische Rundfunk berichtet. Nach ähnlichen Vorfällen in Frankreich habe man bereits neue Systeme bestellt, sagte Cancino der Zeitung "Dagens Nyheter".
In Belgien und Luxemburg sind Dutzende Supermärkte des Einzelhandelskonzerns Ahold Delhaize von einer "IT-Störung" der Kühlsysteme betroffen, wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf das Unternehmen berichtet. Demnach werden die Vorkommnisse derzeit untersucht. Laut der belgischen Zeitung "Le Soir" sind 40 Delhaize-Filialen in Belgien betroffen. Ahold Delhaize hatte der niederländischen Polizei bereits im Vormonat einen Cyberangriff gemeldet.
Ähnliche Fälle zuvor in Frankreich
Eine in Antwerpen tätige Metzgereikette meldete laut "Le Soir" ebenfalls veränderte Temperaturen in Kühlgeräten. Die Einstellung der Kühlsysteme sei von außen verändert worden. Die belgische Nachrichtenagentur Belga berichtete, dass neben Delhaize auch die Ketten Carrefour und Spar betroffen seien.
In Estland ist laut einem Bericht des estnischen Rundfunks ERR ein Markt der dortige Supermarktkette Selver betroffen. Ein Tiefkühlschrank sei auf 50 Grad gestellt worden. Jann Mutso, Geschäftsführer von Kitman Coldtech, dem Hersteller der betroffenen Technik, erklärte ERR, dass dank einer schnellen Reaktion kein größerer Schaden angerichtet worden sei. Die Cyberkriminellen hätten sich Zugang zum Steuerungscomputer eines älteren Kühlsystems verschafft. Die finnische Zeitung "Ilta-Sanomat" meldete ebenfalls Vorfälle, allerdings mit geringem Schaden.
Die Vorfälle ähneln einem großangelegten Angriff in Frankreich im vergangenen Monat. Nach Angaben der französischen Polizei hatten Hacker dort die Kontrolle über die Kühlanlagen Hunderter Supermärkte übernommen. Infolge des Cyberangriffs verdarben Lebensmittel, es kam auch zu Bränden. Ob der Vorfall in Frankreich in Verbindung mit den aktuellen Fällen steht, ist bislang nicht bekannt.
Dieser Text erschien zuerst bei stern.de. Der "Stern" ist wie ntv Teil von RTL Deutschland.


