SachsenWenn ein Knopfdruck das Leben retten kann

Nach einem Knopfdruck muss die Zentrale vom Deutschen Roten Kreuz in Sachsen oft in Sekunden entscheiden: Fehlalarm oder medizinischer Notfall? Was dabei zählt – und welche Hilfe dann kommt.
Dresden (dpa/sn) - Ein Knopfdruck, dann ist jemand am anderen Ende der Leitung. Vielleicht ist ein älterer Mensch gestürzt und kann nicht mehr aufstehen. Vielleicht wurde der Alarm aber auch versehentlich ausgelöst. In der Zentrale des Hausnotrufs des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Sachsen gehört all das zum Alltag. Rund 350 Alarmmeldungen aus Sachsen, Teilen Sachsen-Anhalts und Brandenburgs gehen hier durchschnittlich jeden Tag ein. Die Mitarbeiter müssen innerhalb kürzester Zeit entscheiden, was zu tun ist.
"Wenn sie drücken und wir nichts hören, kommt immer jemand", sagt Maxi Küttner, Leiterin der Notrufzentrale bei der DRK-Hausrufzentrale Sachsen. Denn hinter einem stillen Notruf kann ein harmloser Fehlalarm stecken. Es kann aber auch sein, dass jemand bewusstlos am Boden liegt.
Zwischen Fehlalarm und medizinischem Notfall
Der Hausnotruf ermöglicht älteren, kranken oder alleinlebenden Menschen, in einer Notsituation schnell Hilfe zu rufen. Wird der Alarmknopf gedrückt, stellt das Gerät automatisch eine Verbindung zur Hausnotrufzentrale her. Dann geht es zunächst um entscheidende Fragen: Ist der Betroffene bei Bewusstsein? Gibt es sichtbare Verletzungen? Hat er Schmerzen? "Wir fragen zum Schluss eigentlich klassisch das ab, was auch jede Leitstelle abfragen würde, wenn man die 112 anruft", erklärt Küttner.
Anschließend wird die passende Hilfe organisiert. Das kann ein Hausnotrufhelfer sein oder der Rettungsdienst. Nicht jeder Sturz sei dabei ein Fall für den Rettungsdienst. Manchmal brauche jemand lediglich Unterstützung, um wieder in seinen Sessel zu gelangen. Wichtig sei die Abgrenzung: "Wir sind weder der Rettungsdienst noch ist der Rettungsdienst ein Fahrdienst", sagt Küttner. Wer seit einer Woche Rückenschmerzen habe, benötige nicht automatisch einen Rettungswagen.
Vom roten Knopf zur unauffälligen Notrufuhr
Das Grundprinzip sei seit Jahrzehnten dasselbe. "Im Wesentlichen fing der Hausnotruf mit einem roten Knopf am Armband und einem Gerät an, was an der Telefondose hing", erklärt der Geschäftsführer vom DRK Hausruf und Service in Sachsen GmbH, Knut Eichholz. Ein Knopfdruck stellte die Verbindung zu einer Notrufzentrale her, von der aus Hilfe organisiert wurde.
Noch immer verbinden viele Menschen den Hausnotruf mit dem Älterwerden und dem Verlust von Selbstständigkeit. Das Image habe sich nicht im gleichen Tempo verändert wie die Technik. "Es ist immer so nach dem Motto, ja, wenn ich einen Hausnotruf habe, bin ich alt", sagt Küttner. Dabei ist die Auswahl inzwischen deutlich größer. Neben klassischen Armbändern gibt es unauffällige Notrufketten, Smartwatches mit farbigen Armbändern und mobile Geräte, die am Gürtel getragen werden. Mit ihnen lässt sich auch außerhalb der eigenen Wohnung ein Alarm auslösen, berichtet Eichholz.
Einige Modelle verfügen mittlerweile sogar über eine Sprachsteuerung. Wer körperlich nicht mehr in der Lage sei, einen Knopf zu drücken, könne einfach "Hilfe, Hilfe" rufen, sagt Eichholz. Die neuen Möglichkeiten sollen den Hausnotruf alltagstauglicher machen und dazu beitragen, dass mehr Menschen das Angebot annehmen.
Wenn aus einem Namen eine vertraute Stimme wird
Für die Mitarbeiter in der Zentrale bleibt die Arbeit nicht immer auf die Alarmbearbeitung beschränkt. Manche Teilnehmer meldeten sich regelmäßig. Aus Namen würden vertraute Stimmen, aus kurzen Gesprächen entstünden kleine Alltagsbeziehungen, berichtet Küttner. Es gebe aber auch schwierige Momente. Wenn ein langjähriger Teilnehmer ins Krankenhaus komme oder sterbe, gehe das nicht spurlos an den Mitarbeitern vorbei.
Was die Beschäftigten antreibe, seien die Rückmeldungen nach gelungenen Einsätzen. Angehörige oder Betroffene meldeten sich manchmal noch einmal in der Zentrale. "Ich konnte gar nichts mehr, ich habe nur noch gedrückt, ihr seid gekommen und mir konnte noch geholfen werden", beschreibt Küttner solche Anrufe. Für sie und ihre Kollegen sei das eine wichtige Bestätigung ihrer Arbeit.
350 Alarme am Tag
Das Ziel sei, möglichst jeden Alarm innerhalb von 30 Sekunden anzunehmen, sagt Küttner. Die DRK-Vorgabe liege bei 90 Prozent. Tatsächlich schafften es die Mitarbeiter in Sachsen nach ihren Angaben, mehr als 94 Prozent der Alarmmeldungen innerhalb dieser Zeit entgegenzunehmen.
Ein großer Teil der täglichen Alarme sei allerdings keine medizinischen Notfälle. "Bei 80 Prozent Fehlalarm, Probealarm sind wir schon", sagt Küttner. Häufig löse sich der Alarm versehentlich aus: etwa beim Anziehen eines Pullovers oder wenn eine Notrufkette beim Vorbeugen gegen den Körper gedrückt werde.
Ärger müssten die Nutzer deshalb nicht befürchten. Im Gegenteil: Die Hemmschwelle, den Knopf zu drücken, solle möglichst niedrig bleiben. Lieber einmal zu oft als einmal zu wenig.
Nachfrage wächst
Nach Angaben des Bundesverbands Hausnotruf nutzten 2024 mehr als 1,2 Millionen Menschen in Deutschland einen Hausnotruf – die Tendenz sei steigend. Der Verband decke mit seinen 50 Mitgliedern, darunter auch das DRK, rund 95 Prozent des Marktes ab. Täglich gingen etwa 11.000 Rufe ein, aus denen rund 3.600 Einsätze vor Ort entstünden.
Da die Kreisverbände des DRK selbst entscheiden können, an welche Hausnotrufzentrale sie ihre Notrufe weiterleiten lassen, betreut die Dresdner Zentrale nicht nur Menschen aus Sachsen, sondern auch aus Teilen Sachsen-Anhalts und Brandenburgs. Nach Angaben von Eichholz insgesamt rund 23.000 Teilnehmer.
Die Nachfrage wachse, sagt Eichholz. Zwar seien es vor allem ältere Menschen, die den Hausnotruf nutzten. Doch auch jüngere Menschen mit einem Pflegegrad griffen darauf zurück. Viele wollten möglichst lange selbstständig in ihrer gewohnten Umgebung leben. Der Hausnotruf könne dabei eine wichtige Unterstützung sein.