Social Media ein Faktor?Essstörungen nehmen weltweit deutlich zu

Lange galten Essstörungen als westliches Phänomen. Nun verzeichnen Ost-, Süd- und Südostasien die stärksten Zuwächse, parallel zu wirtschaftlichem und sozialen Wandel. Manche Fachleute sehen eine bestimmte Entwicklung als Treiber.
Immer mehr Menschen leiden an Essstörungen - vor allem in Asien nehmen die Diagnosen zu. Die absolute Zahl der weltweit an Magersucht oder Bulimie Erkrankten ist laut Schätzung einer aktuellen Studie von 1990 bis 2023 um 71 Prozent gestiegen, wie ein internationales Forschungsteam im Fachjournal "Jama Psychiatry" schreibt. Bereinigt um demografische Effekte lag der Anstieg immerhin noch bei etwa 21 Prozent. Zu beachten ist, dass es sich bei den Zahlen um Schätzungen auf Basis verfügbarer Daten handelt - die nicht überall in gleichem Ausmaß vorhanden sind.
"Der geschätzte Anstieg der altersstandardisierten Prävalenz um rund 21 Prozent zwischen 1990 und 2023 ist bedeutsam, der deutlich stärkere Anstieg der absoluten Fallzahlen um 71 Prozent muss sicherlich auch vor dem Hintergrund des weltweiten Bevölkerungswachstums betrachtet werden", erklärt der Psychologe Timo Brockmeyer von der Universität Münster, der selbst nicht an der Publikation beteiligt war. Er ist einer von mehreren Expertinnen und Experten, die das Science Media Center zu der Bestandsaufnahme befragt hat.
2023 waren der Studie zufolge weltweit 18,1 Millionen Menschen von Bulimie oder Magersucht betroffen: Rund 3,9 litten an Magersucht (Anorexia nervosa), 14,2 Millionen an Bulimie (Bulimia nervosa).
Psychische Krankheiten mit körperlichen Folgen
Beide Krankheitsbilder gelten als psychische Erkrankungen, die mit einem gestörten Essverhalten einhergehen. Magersucht, in der Medizin Anorexie genannt, zeichnet sich üblicherweise durch eine sehr stark verringerte Nahrungsaufnahme, Untergewicht und die Angst vor dem Zunehmen aus. Betroffene von Bulimie hingegen essen mitunter sehr viel und ergreifen dann Kompensationsmaßnahmen, indem sie sich etwa übergeben. Den Forschern zufolge spielen sowohl genetische als auch Umweltfaktoren eine Rolle bei der Frage, ob jemand eine solche Krankheit entwickelt.
"Essstörungen gehören zu den schwersten psychischen Erkrankungen des Kindes- und Jugendalters sowie des jungen Erwachsenenalters. Sie beginnen meist in der Pubertät, verlaufen bei einem relevanten Teil der Betroffenen chronisch und haben massive körperliche Folgen", betont Stephan Zipfel, der das Kompetenzzentrum für Essstörungen an der Universität Tübingen leitet und ebenfalls nicht an der Studie mitgewirkt hat. Anorexie habe die höchste Sterblichkeit aller psychischen Erkrankungen.
"Besonders ist zudem, dass Körper und Psyche untrennbar betroffen sind: Mangelernährung oder wiederholtes Erbrechen haben auch Einfluss auf die körperliche Entwicklung und können zu körperlichen Schäden führen", führt Zipfel aus. Betroffene litten darüber hinaus häufig noch an weiteren psychischen Erkrankungen wie einer Depression oder Angststörungen.
Mehr als 200 Länder berücksichtigt
Das vorwiegend chinesische Team analysierte für die vorliegende Studie die aktuellsten verfügbaren Daten von Global Burden of Disease aus dem Jahr 2023 - einem internationalen Forschungsprojekt, das Krankheitsdiagnosen regelmäßig systematisch erfasst und vergleichbar macht. In die Analyse flossen auch Bevölkerungsbefragungen und weitere Gesundheitsdaten ein. Insgesamt wurden 204 Länder berücksichtigt.
Besonders häufig kommen die Diagnosen demnach bei jungen Mädchen vor. Mit 12,6 Millionen war der Großteil der Betroffenen weiblich - nämlich rund 69 Prozent. Rund 41 Prozent waren zwischen 10 und 24 Jahre alt. In reicheren Ländern sind die Essstörungen häufiger als in ärmeren. Am stärksten stieg die altersstandardisierte Häufigkeit in Ostasien, Südasien und Südostasien an.
Die Verhaltensmedizinerin Anja Hilbert vom Universitätsklinikum Leipzig betont: "Essstörungen sind damit kein rein westliches Phänomen mehr, was mit den Befunden anderer Studien übereinstimmt." Der starke Anstieg in Ostasien falle zeitlich mit schnellem wirtschaftlichem und sozialem Wandel zusammen. "Solche Veränderungen prägen die Ernährungsumwelt und fördern extreme Körperideale, wie es zuvor in westlichen Gesellschaften der Fall war."
Ideale extremer Schlankheit in sozialen Medien
Die Studienautoren selbst bleiben bei den möglichen Gründen für die Entwicklung vage: So hätten sich einerseits die Kriterien für die Diagnose der Krankheitsbilder verändert. Andererseits könnten größere Veränderungen im Verhalten und sozialen Gefüge eine Rolle spielen. Dass Mädchen und Frauen häufiger als Jungen und Männer betroffen seien, könne mit verschiedenen biologischen, psychosozialen und soziokulturellen Mechanismen zusammenhängen, die jedoch je nach Kultur unterschiedlich ausgeprägt seien.
Hilbert vermutet, dass soziale Medien - etwa seit 2010 zunehmend verfügbar - zur Verbreitung von Idealen extremer Schlankheit beigetragen haben. Damit gingen teils ungesunde Diäten einher. "Genetische Faktoren können den Anstieg dagegen nicht erklären, da sich das Erbgut innerhalb weniger Jahrzehnte nicht verändert. Sie sind aber wesentlich dafür mitverantwortlich, wer erkrankt - vor allem bei der Anorexie."
Der Mediziner Zipfel ist nicht überrascht über die Zunahme der Erkrankungen. Die Ergebnisse fügten sich in ein größeres Bild ein - nämlich "dass psychische Erkrankungen insgesamt dramatisch zugenommen haben. Inzwischen lebt weltweit etwa jeder siebte Mensch mit einer psychischen Erkrankung, und die Zahl der Betroffenen hat sich seit 1990 nahezu verdoppelt. Essstörungen sind Teil dieses Trends."
Breites Spektrum an Essstörungen
Die Forschenden weisen darauf hin, dass ihre Bestandsaufnahme kein vollständiges Bild ist, unter anderem weil in manchen Ländern die Datenlage sehr lückenhaft ist. Zudem habe man sich auf Magersucht und Bulimie konzentriert, natürlich gebe es darüber hinaus aber auch andere Essstörungen.
Brockmeyer von der Universität Münster untermauert dies: Es sei wichtig, zu beachten, dass Anorexie und Bulimie nur einen Teil des Spektrums ausmachten. "Zu diesem Spektrum gehören ebenso die häufige Binge-Eating-Störung, atypische Formen der Anorexie und Bulimie sowie die vermeidend-restriktive Essstörung (ARFID)." Die Krankheitslast durch Essstörungen werde daher insgesamt unterschätzt. "Hinzu kommt, dass Essstörungen aufgrund von Scham, Stigmatisierung und teilweise eingeschränkter Krankheitseinsicht oft erst spät erkannt und behandelt werden."
Mit Blick auf die überproportionale Betroffenheit von Mädchen und Frauen sagt die Leipziger Expertin Hilbert: "Das Stigma kann dazu führen, dass Essstörungen als "Frauensache" abgetan werden oder man darauf hofft, dass sie sich von selbst "auswachsen". Das ist falsch und gefährlich, denn die Studie belegt mit der hohen Krankheitslast: Essstörungen sind schwere psychische Erkrankungen mit Behandlungsbedarf."
Zahlen könnten weiter steigen
Auf Basis von Modellierungen gehen die Studienautoren von einer weiteren Zunahme der betrachteten Erkrankungen aus: Sie rechnen damit, dass die Zahl der Betroffenen bis 2050 auf 21,8 Millionen Menschen ansteigen könnte - 4,7 Millionen mit Magersucht, rund 17 Millionen mit Bulimie.
Expertin Hilbert hält diese Prognose methodisch für plausibel. Sie stütze sich nachvollziehbarerweise auf Daten von 1990 bis 2019, um Verzerrungen durch die Corona-Pandemie zu vermeiden. "Möglicherweise trägt dies allerdings zu einer Unterschätzung bei", so Hilbert. "Insgesamt ist die Prognose eher als Szenario denn als exakte Vorhersage zu verstehen, da sie Veränderungen in Versorgung und Gesellschaft nicht abbilden kann. Dass Anorexie und Bulimie weiter zunehmen werden, ist nichtsdestotrotz plausibel - und besorgniserregend."
Die Studienautoren mahnen, es müsse ein stärkeres Augenmerk auf Essstörungen gelegt werden - etwa in der Überwachung oder Prävention. Brockmeyer sagt dazu: "Präventionsangebote sollten früh ansetzen und insbesondere psychische Gesundheit, Körperbild, Medienkompetenz und den Umgang mit Gewichtsstigmatisierung berücksichtigen." Ihre langfristige Wirksamkeit müsse zudem weiter untersucht werden - genauso wie eine bessere Erforschung der Gesundheitsversorgung bei den Diagnosen. Nur so könnten gesundheitspolitische Maßnahmen gezielt entwickelt und überprüft werden.